Wiener Vereine unterm Hakenkreuz

Nachdem es am Vorabend eine eigene Veranstaltung zur vorbildlichen NS-Aufarbeitung beim SK Rapid gegeben hatte, widmete sich ein weiterer Abend dem Vergleich der NS-Geschichte und dem Umgang damit bei verschiedenen Wiener Fußballvereinen. Eine ähnliches Setting mit denselben Vortragenden hatte es vor zwei Jahren bei einer historischen Tagung im Hanappi-Stadion gegeben. Interessant war hier nun das Follow-up − ob seither etwas weitergegangen ist. Rund 25 Besucherinnen und Besucher waren an den Veranstaltungsort der Ausstellung Tatort Stadion Wien gekommen.
Podiumsdiskussion

Am Podium saßen Alexander Juraske (Historiker, Vienna), David Forster (Historiker, Austria), Jakob Rosenberg (Moderator, Ballesterer), Georg Spitaler (Politikwissenschaftler, Rapid), Matthias Marschik (Kulturwissenschaftler und Historiker) und Susanne Helene Betz (Historikerin und Soziologin, Hakoah Wien).

Matthias Marschik gab einleitend einen generellen Einblick zum Thema Wiener Fußball in der NS-Zeit. Es gab Anpassung der Vereine an die neuen Machtstrukturen 1938, etwa durch die Aufnahme von NS-Funktionären in Vorstände. Es gab Vereinnahmung des Fußballsports, der zur Aufrechterhaltung eines Anscheins von Normalität des Alltagslebens diente und einen gewissen Freiraum bot, der nicht ohne Duldung des Regimes denkbar war. Aber es gab bis Sommer 1941 auch lokalpatriotisch befeuerte „antipreußische“ Ressentiments und Akte zivilen Ungehorsams. Für Marschik zeigt der Blick auf den Fußball wie Menschen im Alltag mit dem NS-System umgegangen sind und liefert daher einen Beitrag zur Erklärung des Nazismus, wenn auch dabei mit Ausnahmen die verbrecherische Dimension des Holocausts fehlt.

Hier schloß Susanne Helene Betz an. Sie stellte das zum 100-jährigen Jubiläum des SC Hakoah Wien 2009 erschienene Buch vor und referierte über die Geschichte des 1909 gegründeten jüdischen Vereins und seine in der Krieau unweit des Praterstadions betriebene einst große Sportanlage samt Fußballstadion (etwa dort wo sich heute das Einkaufszentrum und der Elektra-Platz befinden). 1924/25 gewann die Hakoah die erste im Profibetrieb ausgetragene Fußballmeisterschaft und war mitsamt den vielen anderen Sportarten, die hier betrieben wurde, eine Manifestation jüdischer Identität. Nach 1938 wurde der Verein von den Nazis aufgelöst, nach 1945 verzichtete die kleine jüdische Gemeinde der Überlebenden auf eine Rückgabe des devastierten großen Areals. 2008 kam es im Zuge des Washingtoner Restitutionsabkommens zum Bau eines neuen Sportzentrums (ohne Fußballplatz).

Georg Spitaler stellte in einer Kurzform wie schon am Vorabend einige wesentliche Punkte aus der Studie Grün-Weiß unterm Hakenkreuz vor, in der im Auftrag des SK Rapid dessen Geschichte in der NS-Zeit untersucht worden war. Kernpunkt waren die Mythen um das Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1941, die Rapid gegen Schalke 04 gewann. Sie sind eingebaut in eine österreichische Opfererzählung und damit geht es hier nicht nur um Fußball, sondern sie sind als Teil der österreichischen Erinnerungskultur zu begreifen, wie Spitaler betonte. Von den Mythen bleibt bei genauer Betrachtung zwar wenig, sie halten sich aber hartnäckig und überdecken damit die tatsächlichen Opfer.

Zu einem ähnlichem Schluß im Fall der Wiener Austria kam David Forster − hier allerdings von unterschiedlicher Ausgangslage. Der Verein kam 1938 unter kommissarische Verwaltung. Jüdische Funktionäre mußten fliehen wie Präsident Emanuel Michl Schwarz, der in Frankreich überleben konnte, oder Manager Robert Lang, der in Jugoslawien von der Wehrmacht eingeholt und dort ermordet wurde. Die Geschichte der Opfer wird aber von „Mythen und Märchen“ überdeckt, wie dies Forster hart formuliert. Der Verein betrachtet sich als Opfer, was angesichts von Vertriebenen und Ermordeten berechtigt ist, aber zu eindimensional. Es gab zumindest einen Nazi unter den Spielern (Hans Mock), Anpassung des Vereins an die NS-Strukturen (Schutzpatron wurde mit Ernst Kaltenbrunner ein Hauptkriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs) und die Beispiele von Arisierungen von Betrieben durch Austria-Spieler wie Matthias Sindelar und Karl Sesta. Die 2011 versprochene Geschichtsaufarbeitung gibt es bis heute nicht. Stattdessen wurden in der offiziellen Publikation zum 100-Jahr-Jubiläum alle „Mythen und Märchen“ wiedererzählt und damit der Blick auf die Geschichte und die Opfer verstellt.

Alexander Juraske hatte bei der oben angesprochenen Tagung 2011 eine Beschäftigung der Vienna mit ihrer Geschichte in der NS-Zeit angekündigt. Das kam durch knappe Finanzen bisher nicht zustande. Eine Kollektiv von Vienna-Fans plant aber eine eigene Festschrift zum 120-jährigen Jubiläum 2014, die sich kritischer mit der Geschichte auseinandersetzen soll als bisherige Publikationen, die aus Bildern und Aufzählung von Erfolgen bestehen. Denn die Jahre der Naziherrschaft waren für die Vienna die sportlich erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte. Der Verein erlebte die 1938 übliche Anpassung und mußte nur 1940 den Vereinsnamen vom traditionellen englischen First Vienna Football Club auf Fußballklub Vienna eindeutschen. Die Vienna profitierte von allen Wiener Vereinen am meisten von der Möglichkeit, stationierte Soldaten als Gastspieler einzusetzen, und schaffte es, wichtige Vienna-Spieler in Wien zu halten, auch wenn sie in die Wehrmacht einrücken mußten. Verantwortlich dafür war Vienna-Anhänger Curt Reinisch, der dies über seine Position in der Verwaltung der Wiener Lazarette organisieren konnte. Angesichts des Umfangs der Aktivitäten − laut Juraske gab es insgesamt 6.000 Rückstellungen von Soldaten − dürfte er Teil einer Gruppe gewesen sein. 1944 wurde er von der Gestapo verhaftet, nach acht Monaten aber wieder freigelassen. Warum es zu keiner Anklage kam, ist unklar. Die Hintergründe bleiben ein lohnendes Forschungsziel.

In der anschließenden Diskussion wurde nochmals herausgearbeitet, daß die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit bei Rapid zwar eine Vorreiterrolle in Österreich hatte und allseits positiv aufgenommen wurde, ihr aber bislang keine weiteren Vereine gefolgt sind. Bis auf den Sonderfall der Hakoah kommen alle Aktivitäten von Fans, nicht von den Vereinen. Bei Rapid tat sich nach einem Anstoß von Jakob Rosenberg und Georg Spitaler ein window of opportunity auf und der Verein gab eine Aufarbeitung in Auftrag, die mit den Vorarbeiten für die Eröffnung des Vereinsmuseums Rapideum zusammenfiel. Matthias Marschik resumierte seine zwanzig Jahre Erfahrung in der Beschäftigung mit diesem Thema in drei mögliche Reaktionen, die es vom ÖFB oder von Vereinsseite bei Anfragen gibt: Es interessiert uns nicht. Wir wissen nichts. Der Anfrager wird im Kreis geschickt.
Eine andere Perspektive brachten zwei Archivare des Wiener Sport-Clubs (C!) ein. Sie verwiesen auf ihr von 1883 an durchgängiges Vereinsarchiv und darauf, daß „wirklich Interessierte“ dazu Zugang bekämen und sie auf Anfragen per E-Mail prompt antworteten.

Den Bogen in die Gegenwart spannte David Forster in Beantwortung einer Frage zur seit Jahren virulenten Neonazi-Problematik auf der Fantribüne der Wiener Austria. Der Umgang mit der NS-Zeit und die aktuelle Thematik seien „zwei Paar Schuhe“, er wollte dies nicht vermischen. Gemeinsamkeiten wären aber doch im defensiven Umgang der Vereinsleitung mit der NS-Vergangenheit und im zögerlichen Umgang mit dem gegenwärtigen Rechtsextremismus zu sehen. Hier wäre die Vorgangsweise von halbherzigen ad-hoc-Maßnahmen nach Vorfällen geprägt und von einer Vermischung von Aktivitäten gegen die Neonazi-Problematik mit anderen Themen wie z.B. Pyrotechnik, wodurch sie nicht zum Ziel führten sondern im Gegenteil im Fanblock undifferenziert als allgemeine Repressionsmaßnahmen ankommen.

Fotos auf Facebook!

Bruckis Blog)